Laissez-faire Kindererziehung
Die Laissez-faire Kindererziehung „lässt die Kinder machen“: Das bedeutet der französische Begriff (machen lassen). Nicht zu verwechseln ist sie mit einer antiautoritären Erziehung.

Woher kommt die Laissez-faire Kindererziehung?

Den Erziehungsstil hat der polnisch-amerikanische Psychologe und Sozialforscher Kurt Tsadek Lewin (1890 – 1947, jüdischer Abstammung) erstmals in den 1930er Jahren beschrieben (es gab ihn schon). Lewin, der seit den 1920er Jahren vorwiegend in Deutschland gewirkt hatte, war 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in die USA emigriert und beobachtete von dort aus mit Sorge die autoritären europäischen Systeme des Faschismus und Kommunismus. Allerdings stand er Letzterem toleranter gegenüber, er hatte gute Kontakte zu sowjetischen Kollegen. Zu totalitären Systemen gehört auch eine totalitäre Erziehung, zu der Lewin die Laissez-faire Kindererziehung als positives Pendant empfand. Allerdings empfahl der Sozialpsychologe Lewin den pädagogischen Stil nicht ausdrücklich, er klassifizierte ihn nur und wertete ihn jedenfalls nicht ab. Zu diesem Stil gehört, dass Kinder die Freiheit genießen, sich mit Dingen zu befassen, die ihnen Spaß machen. Sie dürfen dabei auch ihrem eigenen Rhythmus folgen. Das Konzept greifen die Montessori-Schulen wenigstens in Teilen auf, wo die Schüler über die Inhalte ihrer Unterrichtsstunden mitbestimmen dürfen. Ein wesentliches Merkmal von Laissez-faire ist das Unterlassen zielgerichteter Erziehungsmaßnahmen durch Eltern und andere Autoritäten. Das stößt auf Kritik, die Kinder erkennen oft nicht ihre Grenzen bzw. die Regeln eines angemessenen sozialen Umgangs. Dennoch bedeutet Laissez-faire nicht explizit antiautoritär, denn dabei lehnen sich Kinder bewusst gegen Autoritäten auf, was man ihnen ausdrücklich gestattet. Die Laissez-faire Kindererziehung setzt sich im Gegensatz dazu mit dem Faktum der Autorität eher wenig auseinander. Machtkonstellationen zwischen Kindern und Erwachsenen werden überwiegend ausgeblendet, die Verantwortlichen (Eltern, Lehrer und Erzieher) verhalten sich passiv und thematisieren den Anspruch auf Macht nicht – weder ihren gegenüber den Kindern noch umgekehrt den der Kinder gegenüber ihnen (wie bei der antiautoritären Erziehung). Die minimalen Vorgaben bei Laissez-faire ermöglichen es den Kindern, ihren Interessen relativ frei zu folgen. Allerdings fehlen der klare Rahmen, die Orientierung und auch die Sicherheit, die Kinder überwiegend benötigen.

Merkmale der Laissez-faire Kindererziehung

Zunächst einmal gibt es unterschiedliche Gründe für diesen Erziehungsstil. Manche Eltern wurden selbst zu autoritär erzogen und wollen es bei ihren Kindern grundsätzlich anders machen. Andere Eltern sind überfordert und entziehen sich ihrer Verantwortung als Erzieher durch Laissez-faire. Wieder andere haben keine Ansprüche an ihre Kinder. Im günstigsten Fall sind Kinder hochbegabt und profitieren von diesem Stil, den es übrigens auch in der Wirtschaft als Führungsstil gibt. Dieser Fall ist allerdings eher selten. Da ein Erziehungsstil von Eltern und Pädagogen etabliert werden muss und ihren eigenen Auffassungen entspricht, wird er nicht an der Begabung des Kindes, sondern an den pädagogischen Auffassungen der Erzieher ausgerichtet. Wenn diese auf Laissez-faire setzen, sind sie meistens nicht an größeren Auseinandersetzungen mit ihren Kindern interessiert, weil diese anstrengend (aber nötig) sind. Im Extremfall kann Laissez-faire zur Vernachlässigung der Kinder führen. Grundlegende Merkmale des Stils sind:

  • Verantwortliche (Eltern, Pädagogen) beteiligen sich nicht an erzieherischen Maßnahmen.
  • Sie sind freundlich, aber neutral.
  • Sie verhalten sich passiv. Ein Eingriff bzw. eine Beeinflussung erfolgen nur im Notfall und dann nur marginal. Das lässt die Verantwortlichen unter Umständen desinteressiert und gleichgültig wirken.
  • Erzieherische Vorgaben sind sehr gering.
  • Die Verantwortlichen bieten durchaus Hilfe an. Diese müssen die Kinder aber einfordern.

Laissez-faire Kindererziehung: Vorteile

Der Erziehungsstil wird zwar stark kritisiert, bietet aber durchaus Vorteile – jedoch nur bei hochbegabten Kindern, zu deren Begabung auch ein großes Geschick im sozialen Umgang gehört. Diese Kinder lernen tatsächlich von allein, nur durch Beobachtung, wie die sozialen Spielregeln funktionieren, wenn man sie „machen lässt“. Sie können im späteren Leben kreative Künstler oder Forscher werden, weil sie sich als Kinder ausprobieren durften. Zu beachten ist aber, dass diese Kinder eine Randgruppe repräsentieren. Die meisten Menschen benötigen in ihrer Kindheit eine straffe Führung.

Nachteile der Laissez-faire Kindererziehung

Der Erziehungsstil liefert den Kindern kein Feedback zu ihrem Verhalten – weder im negativen noch im positiven Sinne. Beides ist aber für den kindlichen Lernprozess sehr wichtig. Das erschwert ihnen den Aufbau stabiler Beziehungen, zu denen auch das Austragen von Konflikten gehört. Das solltest Du bedenken, wenn Du Dich aktuell für oder gegen eine Laissez-faire Kindererziehung entscheiden möchtest. Positive und stabile emotionale Beziehungen basieren auch darauf, dass sich Menschen – in diesem Fall Eltern und Kinder – auseinandergesetzt haben. Auch ein Konflikt, den Eltern in ihrem Sinne durch eine klare Anweisung lösen, stärkt das Selbstvertrauen der Kinder, weil sie eine wichtige Regel gelernt haben (Pünktlichkeit, Ordnung, Höflichkeit, Zuverlässigkeit, Respekt etc.). Das Austragen von Konflikten lehrt die Kinder und Jugendlichen den angemessenen Umgang mit Distanz und Nähe, der für wertvolle Beziehungen immens wichtig ist. Im Berufsleben müssen wir laufend Konflikte aushalten, man lässt uns eben nicht einfach „machen“. Laufend stoßen wir an Grenzen, müssen uns anpassen und Kompromisse aushandeln. Nach einer Laissez-faire Erziehung fällt das Menschen sehr schwer. Sie ziehen sich aus Konflikten meistens zurück, wodurch sie wiederum Chancen verpassen. Schlimmstenfalls lässt sie dieser Rückzug in Drogen abgleiten.