Demokratische Kindererziehung
„Demokratische Kindererziehung“ ist ein doppeldeutiger Begriff. Wir verstehen darunter:

  • #1: Der Erziehungsprozess selbst läuft demokratisch ab. Das bedeutet, dass Kinder und Pädagogen oder Eltern/Geschwister über die Erziehungsziele und -methoden abstimmen.
  • #2: Der Erziehungsprozess vermittelt den Kindern ein tief greifendes Demokratieverständnis.

Diese beiden Deutungen gehen wenigstens teilweise ineinander über. Kinder, die nach #1 demokratisch erzogen wurden, werden voraussichtlich dem politischen Modell der Demokratie sehr aufgeschlossen gegenüberstehen.

Woher kommt die demokratische Kindererziehung?

Den Ansatz gab es schon in antiken Kulturen, seit die Griechen die Demokratie als Staatsform eingeführt hatten. Im Mittelalter verschwand er völlig, im späten 19. Jahrhundert wurde er von Reformpädagogen wieder aufgenommen. Er etablierte sich neben anderen Ansätzen wie der autoritären Kindererziehung und der Laissez-faire Kindererziehung, die der Sozialpsychologe Kurt Lewin ab 1916 untersuchte, wobei seine Hauptwerke zum Thema erst ab 1939 erschienen. Etablierte Ansätze, die demokratische Kindererziehung handfest zu praktizieren, gab es ab dem frühen 20. Jahrhundert in den USA. Die deutsche Weimarer Republik versuchte ähnliche Konzepte ab den 1920er Jahren einzuführen, ging dabei aber nicht sehr weit – die Schülermitsprache blieb begrenzt. Die Nationalsozialisten wandten sich sukzessive gegen das Modell, es widersprach ihrem erzieherischen Verständnis. Nach 1945 hätten die US-Besatzer in Deutschland gern modernere Konzepte eingeführt, die es inzwischen gab, doch dagegen wehrten sich deutsche pädagogische Interessenverbände, die stattdessen erneut an die Weimarer Schulpolitik anknüpften und von dort ausgehend eine neue demokratische Kindererziehung in Deutschland entwickelten. Dieser Prozess dauert bis heute an.

Demokratische Kindererziehung in der Familie

Du kannst in Deiner Familie Deine Kinder demokratisch erziehen. Das bedeutet: Jedes Familienmitglied hat eine gleichberechtigte Stimme. Als Mutter oder Vater wirst Du sofort die Grenzen dieses Modells erkennen, denn wenn eines Deiner Kinder drei Jahre, das andere aber neun Jahre alt ist, kannst Du schwerlich beide gleichberechtigt über den kompletten Tagesablauf entscheiden lassen. Du kannst jedoch demokratische Elemente einführen, indem die Familie zum Beispiel im Urlaub darüber abstimmt, ob sie heute wandern oder baden geht. In so einem Fall ist jedes Familienmitglied gleichermaßen involviert und betroffen, es sollte daher in der Tat eine Stimme im Parlament haben – selbst als dreijähriges Kind. Etwas schwieriger wird es beim Fernsehprogramm oder bei der Verteilung von häuslichen Aufgaben. Schwierig ist es für Kinder zunächst, das Prinzip einer Demokratie zu verinnerlichen: Überstimmte Familienmitglieder müssen sich der Mehrheit beugen, was ihnen nicht gefallen kann. Doch wahrscheinlich gehören sie in einem anderen Fall zur gewinnenden Mehrheit, das lernen die Kinder allmählich. Wie in jeder Demokratie werden dann auch Fraktionen gebildet – zum Beispiel Eltern vs. Kinder, aber nicht zwingend. Vielleicht koaliert auch einmal der Vater mit dem Sohn gegen die Mutter und die Tochter, weil die Männer der Familie andere Interessen haben als die Frauen. Demokratie ist schwierig, aber am Ende das gerechteste Modell, das wir derzeit kennen. Daher ist der demokratische Erziehungsstil durchaus zu empfehlen, jedoch müssen sich die Familienmitglieder teilweise auf langwierige Verhandlungen einstellen. Der Stil funktioniert daher auch nur in Familien, deren Mitglieder aggressionsfrei miteinander umgehen und eine Diskussionskultur entwickelt haben. Zu dieser gehört das Festlegen bestimmter Zeiten, in denen die Aktivitäten besprochen werden.

Die demokratische Kindererziehung als Bildungsmodell

Schulen praktizieren zumindest Elemente einer demokratischen Erziehung. Einige Schulmodelle wie die Waldorf- und Montessori-Schulen sind explizit auf demokratische und laissez-faire-orientierte Erziehungsmodelle ausgerichtet, in normalen Grundschulen versuchen die Pädagogen immer wieder, Elemente des demokratischen Stils zu integrieren. Das Ziel besteht darin, den Kindern die Mechanismen der Demokratie zu vermitteln. Dazu gehören auch Werte und Verhaltensweisen, mit denen sich ein friedliches, selbst- und mitbestimmtes Miteinander organisieren lässt. Die vermittelten Werte sind unter anderem:

  • Solidarität
  • individuelle Emanzipation
  • Toleranz
  • gesellschaftliche Partizipation
  • Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung

Die Grundauffassung lautet dabei, dass Kinder grundlegend das Recht haben, über ihr eigenes Lernen und Leben zu entscheiden. Zur Vermittlung der demokratischen Werte dienen bestimmte Schulfächer, darunter Ethik, Sozialkunde und Geschichte. Schulen organisieren intern die Demokratie, indem sie Schülervertretungen zulassen und deren Anregungen und Entscheidungen auch umsetzen, was bis zur sehr weit gehenden Schulmitbestimmung führen kann: Sämtliche Entscheidungen trifft die Schulversammlung, in der Eltern, Lehrer und Schüler vertreten sind (sogenanntes Sudbury-Modell).

Demokratische Kindererziehung: Vorteile

Es existieren alle Vorteile, die wir von der Demokratie kennen:

  • Die getroffenen Entscheidungen gefallen der überwiegenden Mehrheit der Beteiligten.
  • Kinder lernen, dass Demokratie zu den geringsten Konflikten führt, die zudem gewaltfrei ausgetragen werden.
  • Kinder und Jugendliche lernen, Koalitionen zu bilden und Verhandlungen zu führen.
  • Der Stil wird in den meisten Firmen, Behörden und Vereinen wenigstens in Ansätzen praktiziert. Er bereitet die Kinder daher nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich und karrieretechnisch auf ihr Leben in der Demokratie vor.
  • Die Kinder lernen, andere Meinungen auszuhalten.
  • In Krisenzeiten helfen sich die Familienmitglieder trotz unterschiedlicher Auffassungen. Das gehört zur Demokratie: Sie kittet insgesamt die Gesellschaft zusammen.

Hat die demokratische Kindererziehung auch Nachteile?

Das hat sie in der Tat wie jede Demokratie:

  • Die Verhandlungen zu einem bestimmten Thema können sehr mühselig verlaufen.
  • Es sind für alle Seiten eher unbefriedigende Kompromisse möglich.
  • Eine unterlegene Partei kann sehr frustriert das Diskussionsfeld verlassen. Das ist bei vielen Kindern gelegentlich zu erwarten. Das Kind muss dann gezwungen werden, den Konsens mitzutragen (mit der Familie wandern zu gehen), denn auch das gehört zur Demokratie: Beschlüsse werden durchgesetzt.
  • Jede Demokratie ist anfällig für Schach- und Winkelzüge. Es ist nicht durchweg Fair Play zu erwarten. Doch das müssen wir aushalten.

Diese Nachteile werden auch von Pädagogen vorgebracht. Es gibt unter ihnen einige explizite Gegner des demokratischen Erziehungsstils. Die Argumente lauten, dass Kinder generell zu unmündig dafür sind und dass Unterrichtsabläufe teilweise durch demokratische Entscheidungen sehr verlangsamt werden. Vermutlich empfiehlt es sich, demokratische Elemente in Teilen zuzulassen, an anderer Stelle aber mit klaren Regeln zu operieren. Im Bereich der Sicherheit etwa ist etwas anderes gar nicht möglich. Kinder können nicht darüber abstimmen, ob sie bei einem Feueralarm das Schulhaus verlassen oder nicht.